Über die ärztliche Verantwortung und subjektive Meinungen

Aktualisiert: 27. Nov 2020

Verhütung, Hormone und Sexualität im neutralen Mythen-Check


Dieser Blogbeitrag ist der erste in einer Reihe von Artikeln. Er entsteht als Antwort auf einen Artikel im schweizerischen Frauenmagazin "Annabelle". In der Ausgabe 16/20 der Zeitschrift wurde ein Interview mit einer Frauenärztin veröffentlicht. Fachlich ist an diesem Artikel nichts auszusetzen. Jedoch ist die erfolgte Darstellung und die subjektive Bewertung von Seiten der befragten Ärztin zu den Themen natürliche Verhütung und natürliche Weiblichkeit sowie Hormonersatztherapien im Alter und Sexualität im fortgeschrittenen Lebensalter leider sehr einseitig und sollte so nicht als allgemeingültige Wahrheit stehen bleiben (1). Als mich meine Kollegin Dr. Janna Scharfenberg als fragte, ob ich ein Statement zum Artikel verfassen würde, habe ich also keine Sekunde gezögert.


Ganzheitliche Weiblichkeit ist fester Bestandteil unserer Gesundheit

Nur die Form und die Umsetzung in nur einem Artikel erschien mir einfach nicht stimmig. Die Themen und Darstellungen, die mich so berührten, sind Thema mit denen ich nicht zum ersten Mal konfrontiert werde als Ärztin, Frau und Expertin für ganzheitliche Frauengesundheit. Ich entschied mich während des Schreibens dieses Artikels, dass die einzelnen Themen ihren eigenen Artikel bekommen werden, die ich nach und nach veröffentliche und abschließend wird eine Sonderfolge im Podcast geben. Ganz intuitiv und im Prozess entschieden. Wie eigentlich immer.


Ich selbst suchte über Jahre eine für mich passende Verhütung. Erst als Expertin für meine eigene Weiblichkeit fand ich den für mich passenden Weg der natürlichen Familienplanung (NFP). Ich litt jahrelang unter den Nebenwirkungen hormoneller Verhütungsmittel und dass diese Symptome tatsächlich Nebenwirkungen der hormonellen Verhütungsmittel waren, war auch mir zunächst gar nicht bewusst.


Die Pille ist ein Medikament. Es hat Wirkungen und Nebenwirkungen, wie jedes andere Medikament auch. Eine Relativierung halte ich für gefährlich.

Die im Artikel befragte Kollegin hat ohne Frage ein fundiertes Wissen zum Thema weibliche Hormone allgemein sowie Hormonersatztherapien im Speziellen. Die Bewertung jedoch zur natürlichen Verhütung und auch dem Trend zur natürlichen Weiblichkeit und Sexualität sind aus meiner Sicht zu subjektiv. Die dargestellte Relativierung der potentiellen Risiken von Hormontherapien sei es zur Verhütung oder im Rahmen einer Hormonersatztherapie perimenopausal halte ich für unangebracht und darauf werde ich im nächsten Artikel dieser Reihe eingehen.


In der Bildung unserer Kinder fehlt das fundierte Wissen über den eigenen Körper und Sexualität. Das sehe ich als gesellschaftliche Aufgabe.

Die Kollegin formuliert die These, dass die steigenden Zahlen von Schwangerschafts-abbrüchen in der Schweiz mit dem Trend zur natürlichen Verhütung zusammen hängen. Das ist ein harscher Vorwurf und so werde ich mich einem weiteren Artikel in dieser Reihe mit den Themen natürliche Verhütung und ihren Gefahren, aber auch Vorteilen auseinandersetzen. Aus meiner Sicht hat diese Thema eine große gesellschaftliche Komponente. Denn die fehlende Auseinandersetzung und Aufklärung über den weiblichen sowie männlcihen Körper darf hier nicht außer Acht gelassen werden. Wir werden uns die Zahlen anschauen. Zahlen zur Verhütung, zu den Schwangerschaftsabbrüchen und auch deren Ursachen.


Die Beobachtung des eigenen Körpers ist natürlich und eine Art von Selbstfürsorge

Den letzten Artikel in dieser Reihe werde ich werde dem Thema der ganzheitlichen Weiblichkeit widmen. Unser Zyklus und der weibliche Hormonhaushalt sind ein wichtiger Teil unserer Gesundheit. Im veröffentlichten Artikel wird diese angestrebte Natürlichkeit "öko" abgewertet und die Beobachtung des eigenen Körpers unter der Verwendung von digitalen Hilfsmitteln, wie Tracking-Apps oder Tracking-Uhren als "zwanghaft" dargestellt. Der Verzicht auf Hormonersatztherapien in den Wechseljahren setzt die befragte Expertin gleich mit dem Verzicht auf die lebensnotwendigen Insulintherapie beim Diabetes, was so ganz einfach nicht stehen bleiben kann.


Mein abschließendes Statement für heute ist, dass wir als Ärztinnen und Ärzte unsere subjektive Einstellung zu verschiedensten Themen nicht über objektive Fakten stellen dürfen. Wir sind in der Verantwortung jede Stellungnahme und jede Beurteilung von medizinischen Fragestellungen möglichst neutral dar zustellen.


Das Problem sehe ich nicht nur bei der natürlichen Verhütung. Die Verordnung der Pille ist nicht die Lösung, eher die einfachste aller Möglichkeiten.

Auch mir sind in meine klinischen Zeit junge Mädchen begegnet, die mit 15 Jahren zum Schwangerschaftsabbruch kamen. Das ist aber die absolute Ausnahme. Auch 14-jährige Mamas habe ich erlebt, die sich für das Kind entschieden haben und dieses nicht geplant haben. Das geht nicht spurlos an uns Ärzten vorbei. Uns ist die Tragweite aus der erwachseneren Position bewusster, als der Patientin. Wir dürfen aber bei aller Verantwortungslosigkeit, auch das Mädchen sehen, welches unbewusst nach Liebe sucht, weil es zu Hause nicht gesehen wird. Diese Mädchen schwören, dass die Schwangerschaft nicht gewollt war. Sicher war ich mir oft nicht. Ein Baby verbinden diese Mädchen mit Liebe und Zweisamkeit, sie blenden die große Verantwortung und Herausforderung des Mutterseins in ihrer dann doch noch sehr kindlichen Vorstellung komplett aus.

Manche Mädchen haben sich auch einfach nicht getraut, dem Jungen zu sagen, dass sie verhüten wollen und liessen sich ruhigstellen mit Argumenten, wie: Der Sex mit Kondomen ist nicht gefühlsecht. Sie hatten Angst vor Ablehnung. Und ließen ihn gewähren.

Das Problem sehe ich hier eben nicht nur bei der natürlichen Verhütung. Es ist so vielschichtig, wie unsere Persönlichkeit und hat sehr viel mit persönlicher Reife und seelischer Gesundheit zu tun. Die Verordnung der Pille ist nicht die Lösung, eher die einfachste aller Möglichkeiten.


Abschließend erscheint auch in meinem Podcast ein gesprochenes Statement zu diesem kontroversen Beitrag. Eine Zusammenfassung aller Artikel aus dieser Reihe als Sonderfolge außer der Reihe.


Ich bin gespannt auf eure Meinung zu diesem Thema. Vielleicht seht und fühlt ihr das gaze Thema ganz anders!? Auch dann würde ich gerne davon lesen.


Wir lesen uns also im nächsten Artikel dieser Reihe.


Deine Franziska


Quellen:

(1) Unterversorgt - an Informationen, Ausgabe 16/20, Annabelle das Magazin

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